Making-of
Ein Lexikon

Making-of. Ein Lexikon versammelt Texte zum Begriff Making-of. Die Online-Plattform wurde von Studierenden der Geistes- und Kulturwissenschaften initiiert. Sie widmet sich der Erforschung verschiedenster Making-of-Formate in der Gegenwartskultur und kann um neue Begriffe und Texte erweitert werden.

weiterlesen

Toilettenszene

Der gattungsübergreifende Terminus Toilettenszene meint die Darstellung oder Beschreibung des Herstellens meist weiblicher Schönheit. Abgeleitet von dem französischen Wort für das Tüchlein (‚toilette‘), auf dem man die zur Schönheitsproduktion notwendigen Utensilien ausbreitete, zeigt sie Praktiken des Schminkens, Frisierens, Parfümierens oder das Anlegen von Kleidung und Schmuck, bei Männern auch das Haareschneiden (Haircut (No. 1)) und Rasieren. Wesentliches Attribut dieser Szene ist der Spiegel. Assistenzfiguren wie Dienerinnen oder Zofen, aber auch Apotheker, Barbiere, Coiffeure, Doktoren, Familienmitglieder, Freunde, Händler, Maskenbildner, Perückenmacher oder Visagisten können ebenfalls anwesend sein. Anders als die Anleitung oder das How-to zielt die Toilettenszene nicht (unmittelbar) auf Nachahmung, ist also kein prospektives Making-of. Scharfe Abgrenzungen von der weiter aufgefassten Badeszene oder anderen Thematisierungen der Körperpflege sind nicht immer möglich.

Ähnlich den Artefakten des täglichen Gebrauchs wie Bürsten, Pinseln oder Tiegeln kommt bildlich wie schriftlich überlieferten Toilettenszenen ein kulturhistorischer Quellenwert zu, auch wenn dieser kritisch hinterfragt werden muss. So ist z.B. eine Schilderung aus dem Alten Testament, der zufolge man die Haremsmädchen aus dem Palast zu Susa ein ganzes Jahr lang mit kostbaren Salben und Essenzen pflegte, bevor man sie König Ahasver zuführte, sicher literarisch überhöht (Est 2,12). Der Bericht Saint-Simons über das ,Lever‘ Ludwigs XIV. hingegen dürfte recht nah an den historischen Fakten sein (Saint-Simon 331f.). Über die bloße Nachvollziehbarkeit der Vorgänge hinaus verdeutlichen die gewählten Textbeispiele allerdings auch, dass das Öffentlichmachen der Schönheitsherstellung weniger Nähe oder gar Intimität, als vielmehr soziale Distinktion erzeugen soll, werden hier doch Wohlstand, Macht und vor allem Exklusivität markiert.

Frühe bildliche Überlieferungen stammen aus dem alten Ägypten. Zum immer wiederkehrenden Repertoire der Grabmalereien aus den Jahren um 1400 v. Chr. etwa gehören Bankettszenen, in denen Bedienstete die Gäste mit Blumenkragen schmücken, sie mit Duftöl besprengen oder ihnen Salbkegel aufsetzen, die beim Schmelzen ebenfalls Wohlgerüche über Haar und Oberkörper verteilen – Gesten der Ehrerbietung, die gleichzeitig Schönheit erzeugen (Davies LXIV–LXVII, Parkinson 87, Ward / Fidler 112). Paradigmatisch verdichtet begegnet uns das Thema im Motiv der sogenannten Toilette der Venus, gilt Venus doch als Göttin der Schönheit. Nicht selten erotisch aufgeladen, erfreute sich ihre Darstellung bereits in der Antike einiger Beliebtheit und wird seither zumindest in motivischer Hinsicht mehr oder minder ungebrochen tradiert. Ein Höhepunkt der Visualisierung solcher Toilettenszenen ist in der venezianischen Malerei des 16. Jahrhunderts auszumachen, die mittels des Spiegelbilds nicht nur die Herstellung der dargestellten Schönheit, sondern auch die Schönheit der ihrerseits mit Farbe und Pinsel hergestellten Darstellung reflektiert (Schäpers 218-225). Wenn hingegen im Frankreich des späten 19. Jahrhunderts die alle Hinweise auf den Produktionsprozess tilgende Glattmalerei (,blaireautage‘) mit der makellosen Toilette der dargestellten Damen in Verbindung gebracht wird, ist dies meist pejorativ gemeint (Krüger 84-86).

Eine weitere Klimax der Toilettenszene findet sich in den französischen Bildkünsten des 18. Jahrhunderts, die das Thema in figurenreiche Genreszenen überführen. Gezeigt wird meist die sogenannte ‚zweite Toilette‘ (das Schminken etc.), die in Nachfolge des Levers tatsächlich als öffentliches und mithin repräsentatives Ereignis aus- und aufgeführt wurde (Gerken 13-26, Stolz 153-162). Filmischen Widerhall findet dies in dem kurz vor der Französischen Revolution handelnden Spielfilm Dangerous Liaisons (1988), in dessen Vorspann die Marquise de Merteuil und der Vicomte de Valmont für den folgenden Geschlechterkampf gleichsam zugerüstet werden. Neben zeit-, klassen- und geschlechterspezifischen Schönheitsvorstellungen klingt hier auch eine moralisch konnotierte Unterscheidung von Schein und Sein an, die in der Schlusseinstellung des Films zugespitzt wird: Zurück in ihrem Boudoir, wischt sich die gesellschaftlich ruinierte Marquise ihr zur Maske geschminktes Gesicht ab – eine Geste, die auf das im 18. Jahrhundert aufkommende Postulat der ,Natürlichkeit‘ rekurriert, die allerdings ebenfalls kosmetisch erzeugt und damit künstlich hergestellt ist.

Vor dem Hintergrund postmoderner Debatten um die Konstruiertheit geschlechtlicher Identität lässt sich den Toilettenszenen des Popstars Madonna ein zentraler Stellenwert beimessen. So scheint der Clip Take a Bow (1994) die Eröffnungssequenz aus Dangerous Liaisons zu paraphrasieren (Weiß 2015); und auch der Konzertdokumentation Truth or Dare (1991), dem Musikvideo Rain (1993), der Musicalverfilmung Evita (1996) und den Werbespots für die Kosmetikmarke Max Factor (1999) sind ausführliche Schmink- und Ankleideszenen eingefügt. Im Videoclip Hollywood (2003) wiederum wird kein Pinsel, sondern eine Kollagenspritze eingesetzt, was die Schönheitsproduktion ins Chirurgische, Gewalttätige, Zwanghafte wendet (Weiß 2006). Aufs Ganze gesehen ist deshalb festzuhalten, dass Madonna nicht nur die Herstellung und die daran geknüpfte Notwendigkeit der Aufführung von Geschlecht, sondern auch das Gemachtsein von Starimages und die Schattenseiten eben dieses Herstellungsprozesses thematisiert, wobei diese Strategie der Selbstdemaskierung ihre Glaubwürdigkeit als Star paradoxerweise nicht schwächt, sondern stärkt. Die daraus resultierende Einsicht, dass die von der Toilettenszene und anderen Making-of-Formaten kommunizierte Glaubwürdigkeit des Künstlichen nicht zu hintergehen, sondern nur mehr ironisch zu brechen ist, verdeutlichen Robbie Williams’ Video She’s Madonna (2006), in welchem der Sänger in die Rolle des titelgebenden Popstars schlüpft und einen Therapeuten aufsucht (Weiß 2014), sowie Alice Russells Clip Heartbreaker (2012), in dem sich ein greiser Mann als Double der Sängerin herrichtet, bevor er seinem sichtlich irritierten Idol begegnet.

Quellen

Dangerous Liaisons. USA/UK 1988, Regie: Stephen Frears.

Davies, Norman de Garis: The Tomb of Rekh-mi-Rē at Thebes, Bd. 2. New York 1943.

Evita. USA 1996, Regie: Alan Parker.

Gerken, Rosemarie: La Toilette. Die Inszenierung eines Raumes im 18. Jahrhundert in Frankreich. Hildesheim et al. 2007.

Heartbreaker. USA 2012, Regie: Steve Glashier.

Hollywood. USA 2003, Regie: Jean-Baptiste Mondino.

Krüger, Matthias: Das Relief der Farbe. Pastose Malerei in der französischen Kunstkritik 1850-1890. München / Berlin 2007.

Max Factor (Werbespots mit Madonna). 1999, Regie: Alek Keshishian.

Parkinson, Richard: The Painted Tomb-Chapel of Nebamun. London 2008.

Rain. USA 1993, Regie: Mark Romanek.

Saint-Simon, Louis de Rouvroy de. Die Memoiren des Herzogs von Saint-Simon, Bd. 3: 1710-1715. Hg. von Sigrid von Massenbach. Frankfurt/Main 1977.

Schäpers, Petra: Die junge Frau bei der Toilette. Ein Bildthema im venezianischen Cinquecento. Frankfurt/Main et al. 1997.

She’s Madonna. UK 2006, Regie: Johan Renck.

Stolz, Susanna: Die Handwerke des Körpers. Bader, Barbier, Perückenmacher, Friseur. Folge und Ausdruck historischen Körperverständnisses. Marburg 1992.

Take A Bow. USA 1994, Regie: Michael Haussman.

Truth or Dare. USA 1991, Regie: Alek Keshishian.

Ward, Roger / Patricia J. Fidler: The Nelson-Atkins Museum of Art. A Handbook of the Collection. New York 1993.

Weiß, Matthias: „,Spieglein, Spieglein an der Wand …‘: Anmerkungen zur Verweispragmatik des Musikvideos am Beispiel von Madonnas Hollywood.“ In: Nicole Kallwies / Mariella Schütz (Hg.): Mediale Ansichten. Marburg 2006, S. 113-119.

Weiß, Matthias: „Rekursivität und Männlichkeit im Videoclip – oder: Warum Robbie Williams die neue Königin des Pop ist.“ In: Frédéric Döhl / Renate Wöhrer (Hg.): Zitieren, appropriieren, sampeln. Referenzielle Verfahren in den Gegenwartskünsten. Bielefeld 2014, S. 233-256.

Weiß, Matthias: „Verlockende Madonna, frohlockende Björk? Zur Visualisierung von Frauenstimmen im Videoclip.“ In: Christa Brüstle (Hg.): Pop-Frauen der Gegenwart. Körper  Stimme  Image. Vermarktungsstrategien zwischen Selbstdarstellung und Fremdbestimmung. Bielefeld 2015 (im Druck).